Konzeption Jugendberatung Mobilé

(Stand 08/2007)

I. Aufgabe und Zielsetzung

Aufgabe der Jugendberatung Mobilé ist es, die individuelle Entwicklung junger Menschen im Alter von 12-25 Jahren zu fördern. Hierzu gehören im Wesentlichen die Stärkung der Persönlichkeit und die Vermittlung sozialer Kompetenzen (KJHG 11).

Ziel ist es, einen attraktiven Lebensraum für junge Leute zu schaffen, in dem sie sich wohl fühlen und ernst genommen werden. Hinzu kommt die Gestaltung eines stadtteilorientierten Freizeit-, Kultur- und Beratungsangebots, das sich an den Interessen und Bedürfnissen der Jugendlichen orientiert.

Erftstadt ist eine Flächengemeinde mit ca. 51.000 EinwohnerInnen, ca. 20 Kilometer südwestlich von Köln. Insgesamt 16 Ortsteile zwischen 300 und 13.000 Einwohnern liegen zwischen 2 und 9 Kilometern auseinander.Da kommerzielle Freizeitangebote für Jugendliche nicht vorhanden sind, es nur ein kommunales Jugendzentrum in einem Ortsteil gibt und auch keine Einrichtungen freier Träger vorhanden sind, verbringen viele Jugendliche einen großen Teil ihrer Freizeit auf der Straße. Sie treffen sich an informellen Treffpunkten in ihren Cliquen, um miteinander zu reden, gemeinsam irgendwohin zu fahren, oder einfach "abzuhängen".

Ausgehend von der Tatsache, daß Jugendhäuser immer nur einen kleinen, regional begrenzten Teil von Besucher/innen erreichen und daß ggf. ein bestimmter Besucher/innenkreis andere potentielle Besucher/innengruppen gänzlich ausschließt, versucht Mobile, Ansprechpartner für alle Jugendlichen eines Stadtteils zu sein.

Setzt Freizeitarbeit in Jugendhäusern die "Komm-Struktur" voraus, geht Mobile verstärkt von der "Geh-Struktur" aus.

Während das Jugendhaus den "Raum" für Freizeitarbeit verortet, geht Mobile von einem erweiterten Raumbegriff aus und bezieht in seine Arbeit neben der Einrichtung selbst auch die informellen Jugendtreffs wie den Park, das Freibad, Schulhöfe und andere öffentliche Plätze mit ein. Mobile unterstützt die Raum(wieder)-Aneignungsprozesse der Jugendlichen und macht sie zum konzeptionellen Teil seiner Arbeit.

Ein weiterer wesentlicher Bestandteil des Konzepts ist die Zusammenarbeit mit Institutionen, Vereinen und Verbänden. Während "teure" offene Jugendhausarbeit einer "billigen"

Jugendverbandsarbeit oftmals unversöhnlich gegenübersteht, begreift sich Mobile als Mittler zwischen Jugendlichen und Verbänden, als Teil einer gesamtstädtischen Jugendarbeit.

Mit der Verabschiedung der Neukonzeption der offenen Jugendarbeit in Erftstadt hat das Mobile-Team vom Rat folgende Arbeitsaufträge erhalten:

a) Straßenarbeit/aufsuchende Arbeit

Jugendliche werden von den Mitarbeiter/innen an ihren Treffpunkten im Stadtteil aufgesucht. Hilfestellung bei der Verwirklichung ihrer Freizeitinteressen und auch bei der Bewältigung von persönlichen Problemen wird ihnen angeboten, aufgedrängt wird sich nicht.

b) Beratung

An ihren angestammten Plätzen genießen die Jugendlichen "Heimrecht". Sie bestimmen die Formen des Miteinanders. Hier ist Mobile zu Gast. Für viele Jugendliche ist dieses Setting eine gute Voraussetzung, Beratung anzunehmen. Weitergehende, eventuell verbindlichere Formen der Beratung ermöglicht die Beratungsstelle im Mobile-Café in Lechenich.

c) Jugendkulturarbeit

Abgesehen von der Jugendmusikschule, dem kommunalen Kino in Köttingen und den gelegentlichen Veranstaltungen einiger weniger freier Träger hat Erftstadt im Jugendkulturbereich wenig zu bieten. Zu Beginn der Mobile-Arbeit fanden kaum Konzerte und keine einzige Disco-Veranstaltung aus Angst vor tätlichen Ausschreitungen mehr statt. Die Initiierung und Durchführung jugendkultureller Aktivitäten gehört deshalb mit zum Aufgabenspektrum.

d) Stadtteilarbeit/Gemeinwesenarbeit

Die Jugendlichen sind Teil des Gemeinwesens. Wenn Jugendliche Raum benötigen, muß die Brücke zu den Raumbesitzern, und das sind immer die Erwachsenen, im Stadtteil geschlagen werden. Geht es darum, dass Jugendliche an von ihnen besetzten Räumen (Park, Spielplatz usw.) als störend empfunden werden, muß auch wieder - soll der Konflikt für beide Seiten fruchtbar verlaufen - die Brücke zu den Erwachsenen geschlagen werden. Das Gemeinwesen integriert oder grenzt aus. Mobile vermittelt.

e) Mädchenarbeit

Parteiliche Mädchenarbeit ist als Bestandteil offener Jugendarbeit zu betrachten und wird durch 9, 3 im KJHG auch vom Gesetzgeber gefordert. Parteilichkeit heißt in diesem

Zusammenhang:

- Mädchen in den Mittelpunkt der Arbeit zu stellen

- sie ernst- und anzunehmen

- ihnen Unterstützung und Schutz anzubieten

- eigene Lebensentwürfe von Mädchen zu akzeptieren und neue Wege aufzuzeigen

Realisiert werden diese Grundsätze zum einen durch spezielle offene oder geschlossene Angebote für Mädchen, in denen sie in geschützten Räumen eigene Erfahrungen machen, sich mit sich selber und anderen Mädchen auseinandersetzen und sie selber sein können.

Zum anderen steckt dahinter aber auch das Angebot an jedes einzelne Mädchen , eine weibliche Ansprechpartnerin zu finden, die sie ernst nimmt und sie in ihrem Entwicklungsprozeß begleitet, ohne sie zu bewerten und in herkömmliche Rollenklischees zu drängen. Das beinhaltet: Parteiliche Mädchenarbeit deutet um, sieht die Fähigkeiten, Stärken und Besonderheiten jedes einzelnen Mädchens.

f) Jugendpflege

Ausgehend vom sozialräumlichen Ansatz soll Mobile die Aufgabenfelder erzieherischer Kinder- und Jugendschutz, Stadtjugendring, internationale Jugendbegegnung, Aus- und Weiterbildung von FerienhelferInnen und GruppenleiterInnen und Fachberatung von ehrenamtlicher Jugendarbeit bearbeiten.

g) Mobilé als Bestandteil des Frühwarnsystem für die Zielgruppe der Sekundarstufe 1

 

Die Arbeit von Mobilé zeichnet sich dadurch aus, dass sie für die teilnehmende Zielgruppe freiwillig und parteilich ist. Das sich daraus entwickelnde besondere Vertrauensverhältnis zwischen Jugendlichen und MitarbeiterInnen und die Nähe zur Lebenswelt der Klientel sind in besonderem Maß geeignet, direkte oder indirekte Hilferufe der Jugendlichen wahrzunehmen und aufzugreifen.

In der weiteren Behandlung dieser Hilferufe geht es in erster Linie um die Unterstützung der Jugendlichen, nicht um eine Weitergabe der oft unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertrauten Informationen.

Schwierige Fälle werden im Team im Rahmen eines fachlichen Austauschs und der Gefährdungsabschätzung besprochen, um das weitere Vorgehen zu koordinieren. Hierbei wird es Fälle geben, die eine Information des ASD notwendig machen, um einen weitere Gefährdung des Jugendlichen zu verhindern. Dies geschieht notfalls ohne Zustimmung des Hilfesuchenden. Den Jugendlichen wird diese Art des Vorgehens vermittelt und transparent gemacht, damit es zu keinem Vertrauensbruch kommt und Mobilé weiterhin als Beratungsinstanz zur Verfügung steht.

II. Qualitätsstandards für die Umsetzung der Ziele und Arbeitsaufträge

a) Die Rahmenbedingungen

Um die bisher erreichte Qualität der Arbeit aufrechterhalten zu können, sind folgende Rahmenbedingungen notwendig:

- Die Personalausstattung mit mindestens 4,5 hauptamtlichen Stellen

- Vorschlagsrecht bei der Einstellung von Fachpersonal

- Bereitstellung von Mitteln für Honorarkräfte

- Flexible Arbeitszeitregelung (Verantwortlich: Leitung von Mobilé)

- Budgetverantwortung (Verantwortlich: Leitung von Mobilé)

- Finanzierung für Fort- und Weiterbildung sowie Supervision

(mindestens in Höhe des bisherigen Rahmens)

- Mobilé agiert eigenständig bei der Gestaltung und Ausführung der Arbeit im Rahmen seines Auftrages

- Ziele und Wirkungen der Arbeit von Mobilé bedürfen einer ständigen Prüfung, gegebenenfalls Neuorientierung

b) Pädagogische Grundlagen

Das pädagogische Handeln von Mobilé wird durch folgende Grundsätze bestimmt:

- Mobilé versteht sich als Lobby für Jugendliche, das heißt die Jugendlichen beauftragen Mobilé mit der Wahrnehmung ihrer Interessen und Bedürfnisse.

- Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sich einen genauen Überblick über die Lebenswelt der Jugendlichen zu verschaffen.

- Es ist wichtig die Jugendlichen dort aufzusuchen, wo sie sich aufhalten und dort mit ihnen in Kontakt zu treten.

- Um tragfähige Strukturen zu schaffen, die es den Jugendlichen ermöglichen, in ihrem Lebensumfeld sinnvoll Freizeit verbringen zu können, ist es notwendig, ihre Interessen mit denen der Erwachsenen zu verbinden und unterschiedliche Träger der Jugendarbeit zu vernetzen.

- Mobilé praktiziert Mädchenarbeit nach dem parteilichen Ansatz. Er setzt an der Lebenswelt von Mädchen und jungen Frauen an und stellt ihre Interessen und Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Arbeit. Diese geschlechtsspezifische Arbeitsweise erfordert einerseits differenzierte Angebote, Inhalte und Methoden und andererseits eine hauptamtliche Pädagogin als mögliche Identifikationsfigur, die um die Erfahrungen gesellschaftlich bedingter Einschränkungen von Frauen und Mädchen weiß.

- Mobilé gewährleistet die personelle Erreichbarkeit von 45 Stunden wöchentlich (Montag bis Freitag) . In dieser Zeit stehen die MitarbeiterInnen zu Krisenintervention, Beratung, Information und sonstigen Hilfeleistungen in der Beratungsstelle oder in den Stadtteilen zur Verfügung.

III. Arbeitsfelder von Mobilé

Die Arbeitsfelder der Jugendberatung Mobilé sind entsprechend ihrem Auftrag vielfältig und zahlreich .

Um die Arbeit zielgerichtet und bedarfsgerecht planen und die notwendigen Entscheidungen treffen zu können, werden die Arbeitsfelder (Leistungen) von Mobilé über die jeweilige Zielgruppe und die Beschreibung von Handlungszielen definiert.

Der Umfang der zu leistenden Arbeit wird jährlich über Ziel- und Leistungsvereinbarungen vereinbart. In Quartalsberichten wird regelmäßig über den aktuellen Stand der Zielerreichungsquoten berichtet.

Die von Mobilé durchgeführten Angebote und Massnahmen werden hinsichtlich des Prozessablaufs, des Ergebnisses und der Wirkung evaluiert. So werden qualitätsmindernde Faktoren schnell deutlich und können ausgeschaltet werden. Dies führt in letzter Konsequenz zu einer stetigen Verbesserung der angebotenen Maßnahmen.

IV. Fazit

Die Arbeitsergebnisse der letzten Jahre zeigen, dass das Konzept, Jugendliche an ihren Treffpunkten aufzusuchen und mit ihnen gemeinsam Freizeitmöglichkeiten in ihren jeweiligen Ortsteilen aufzubauen, funktioniert. In vielen Stadtteilen können mittlerweile Räumlichkeiten genutzt werden, die vorher den Jugendlichen nicht zugänglich waren. Der dabei für die Stadt entstehende Kostenfaktor liegt bei Null. Als zu hohe Erwartung hat sich die Hoffnung herausgestellt, diese Räume nach kurzer Zeit den Jugendlichen in Selbstverwaltung überantworten zu können. Durch den offenen Charakter dieser Treffs und die Fluktuation innerhalb der Besucher/innengruppen sind die Mobilé-Mitarbeiter/innen die Konstanten, die die reibungslose Nutzung der Räume im Sinne der Institutionen, die sie zur Verfügung stellen, gewährleisten. Diese Tatsache knüpft nahtlos an die Geschichte der selbstverwalteten Jugendzentren Anfang der 70er Jahre an. Dennoch ist Ziel der Arbeit, die Jugendlichen zu befähigen, eigenverantwortlich Freizeit zu gestalten und überlassene Räume zu nutzen. Dieses Ziel ist als prozeßhafter Verlauf immer wieder Inhalt und auch Methode der Arbeit. Damit soll der dominierenden Konsumhaltung in nahezu allen Bereichen entgegengewirkt werden.

Das jugendkulturelle Angebot wurde durch Mobilé erheblich erweitert.Zahlreiche Disco-Veranstaltungen, Kinonachmittage und Rock-Konzerte können Erftstädter Jugendliche mittlerweile besuchen.

Häufig wird Mobilé als jugendpolitisches Allheilmittel betrachtet. Wo immer sich ein Problem mit Jugendlichen auftut, irgendwann landet die Angelegenheit bei Mobilé, verbunden mit der Erwartung, die Mitarbeiter/innen sollen die betreffenden Jugendlichen im Sinne der Erwachsenen disziplinieren. Die Einlösung dieser Erwartung widerspricht gänzlich dem Auftrag von Mobilé. Das "Team für Jugend" erfüllt keine sozial-polizeilichen Aufgaben; Ziel ist es, gemeinsam mit Jugendlichen und Erwachsenen, Lebensräume für junge Leute zu sichern, in denen nicht ausschließlich den Bedürfnissen der Erwachsenen Rechnung getragen wird. Denn bedauerlicherweise hat die Mobilé-Arbeit auch gezeigt, daß Jugendliche, wo immer sie sich im Stadtgebiet in Gruppen aufhalten, über kurz oder lang vertrieben werden sollen. Anfragen an Mobilé, diesbezüglich im Sinne der Erwachsenen tätig zu werden, kommen häufig; Angebote, die Interessen der Jugendlichen gemeinsam mit Mobilé zu unterstützen, fehlen oft.